MEIN, DEIN, UNSER RAUM!

Untersuchungen an Objekten der “Schule des WIR”

  • Wie kann Teilhabe und Aneignung von öffentlichem Raum erreicht werden?

PROBLEMSTELLUNG:

Dieses Plakat ist Teil der Lehrveranstaltung Methodenpraktikum Humangeographie und der Schwerpunkt unserer Gruppe lag auf Aneignung und Teilhabe im öffentlichen Raum. Um diese Aneignung und Teilhabe im öffentlichen Raum sichtbar zu machen, benötigt es einen Untersuchungsgegenstand. Aus diesem Grund haben wir uns an den gewandt und zwei der derzeit unter dem Namen „Schule des WIR“ laufenden Kunstprojekte betrachtet. Dies war zum einen der Platz der Begegnung vor der NMS St. Andrä und dem Bad zur Sonne und zum anderen der „Garten der wachsenden Erkenntnis“ am Lendplatz.

Somit wären die Untersuchungsgegenstände gefunden, doch wonach suchen wir eigentlich?

Ziel dieser Untersuchungen war es, Aneignungsprozesse und die Teilhabe an öffentlichen Raum zu beleuchten. Aus diesem Grund muss zuerst Aneignung und Teilhabe, sowie öffentliche Räume und Öffentlichkeit definiert werden.

Aneignung: “Indem sich Menschen aber in die Gesellschaft integrieren, in sie hinein wachsen, eignen sie sich die Gesellschaft, ihre Verhältnisse, ihre Bedeutungen, ihre Normen und Werte usw. an. Dieser Aneignungsprozess ist ein aktiver Prozess“.
(Bader 2002, S. 16 ff.)
Dies bedeutet, dass Aneignung das Mitmachen an und das Beanspruchen von Plätzen, Orten und öffentlichen Räumen ist. Somit ist zum Beispiel die Nutzung einer Parkbank im öffentlichen Raum bereits eine Aneignung von öffentlichem
Raum.

Teilhabe: Teilhabe beschreibt die grundsätzliche Möglichkeit des Zugangs und der Nutzung von Dingen, Orten und Einrichtungen im öffentlichen Raum. Somit könnte man die Teilhabe auch so definieren, dass der Raum dann öffentlich ist, wenn er für alle zugänglich ist und niemand am „Mitmachen“ gehindert wird (vgl. Bühler
,2009).

Öffentlicher Raum: Der öffentliche Raum ist in seinem Umfang und seiner Ausprägung nicht eindeutig definierbar, je nach Zugang(sebene) können sich die Definitionen unterscheiden. Aus diesem Grund definieren wir öffentlichen Raum als rekursiv reproduzierte gesellschaftliche Struktur, welche als relationale (An)Ordnung physisch-materieller Objekte und Menschen ist. In diesem öffentlichen Raum gelten von der Gesellschaft festgelegte Regeln und Verhaltensweisen. Konkret handelt es beim öffentlichen Raum somit um öffentlich zugängliche Plätze, Straßen, Grünanlagen oder Gebäude, die in der Nutzung und dem Besitzverhältnis der Allgemeinheit gehören (vgl. Bühler, 2009).

Öffentlichkeit: Eine ähnliche Situation wie beim öffentlichen Raum besteht auch bei der Öffentlichkeit. Diese ist schwierig zu definieren, da sie zu den teilnehmenden Komponenten (wer bildet die Öffentlichkeit?) auch noch eine
räumliche Komponente besitzt (wen betrifft Öffentlichkeit?). Aus diesem Grund definieren wir für diese Untersuchung den Begriff Öffentlichkeit als „Summe aller Beteiligten“ im Sinne des Projektes. Dies bedeutet jeder der an den untersuchten Objekten vorbeigekommen, mitgearbeitet oder auf irgendeine Weise darüber informiert wurden.

Abb.1 Garten am Lendplatz

FRAGESTELLUNG:

Die Forschungsfrage, die sich in Betracht der Prozesse um Teilhabe und Aneignung von öffentlichem Raum stellt, ist jene wie Teilhabe und Aneignung von öffentlichem Raum erreicht wird, anhand des Untersuchungsbeispiels und deren
Projekte und die Annahme dieser Angebote durch die Bevölkerung und die Beteiligten.

METHODIK:

Um unsere Fragestellung beantworten zu können, haben wir uns dazu entschieden verschieden Methoden anzuwenden. Einerseits führten wir Interviews mit dem Verein , mit der Künstlerin, mit den MarktbetreiberInnen und PassantInnen durch, und andererseits wollten wir Ergebnisse durch Beobachtungen erlangen.

Die Interviews
Vor allem das Interview mit Anton Lederer vom Verein und jenes mit Eliana Otta, der Künstlerin, die die Insel der Zusammenkunft am Lendplatz plante, zielten darauf ab, ein tieferes Verständnis für das Ziel und den Ansatz des Projekts „Schule des WIR“ zu erlangen. Als Interviewform bot sich hier vor allem das narrative Interview gut an, bei dem nur eine Eingangsfrage gestellt wird und von der interviewten Person frei beantwortet wird. So konnten wir gewährleisten, eine breite Spanne von Informationen zu erhalten, ohne durch vorformulierte Fragen den Gesprächsfluss zu leiten und dadurch die Informationsgewinnung einzuschränken.

Bei den MarktbetreiberInnen hingegen entschieden wir uns für eine andere Form des Interviews. Dementsprechend erstellten wir im vorab einen Frageleitfaden und stellten den BetreiberInnen stets die gleichen Fragen, welche darauf abzielten in Erfahrung zu bringen, ob sie das Projekt kannten, sie daran mitarbeiteten und ob es ihrer Meinung nach irgendwelche Auswirkungen auf den Markt hat.

Beobachtungen
Eine wichtige Methode, um feststellen zu können, wie und ob das Projekt von der Bevölkerung angenommen wird, war die nichtteilnehmende Beobachtung. Hierfür beobachteten wir eine Woche lang jeden Tag zu jeweils anderen Uhrzeiten die Installation am Lendplatz und beobachteten wie viele Personen den Garten passierten, wie viele ihm Aufmerksamkeit schenkten und wie viele ihn aktiv benutzten. Diese Beobachtungen haben wir sodann in einem Diagramm gegenübergestellt, gegliedert nach den jeweiligen Tageszeiten und kategorisiert in unbeteiligt, also jene die nur daran vorbeigegangen sind, schauen, was die Personen meint, die bewusst hingeschaut haben, eventuell auch ihre
Gehgeschwindigkeit verlangsamt haben oder interaktiv, wo sich Menschen hingesetzt haben, oder auch mit den Pflanzen interagiert haben (siehe Abb. 5).

Sobald der Garten aktiv genutzt wurde, haben wir außerdem beobachtet, wozu er genutzt wurde und wie lange. Durch diese Beobachtungen haben wir einerseits quantitative Ergebnisse dazu erhalten, wie intensiv der Garten tatsächlich genutzt wird, aber andererseits auch qualitative, also wie und wozu.

Auch bei der Installation vor dem Bad zur Sonne haben wir Beobachtungen durchgeführt, jedoch in weit weniger intensivem Ausmaß.

Abb.2 Garten am Lendplatz

ERGEBNISSE Garten am Lendplatz:

Quantitative Ergebnisse: Es hat sich gezeigt, dass der Fußgänger- und Radverkehr über den Tages- und Wochenverlauf schwankt. Tageszeitliche Schwankungen treten beinahe jeden Tag gleichermaßen auf. Weiters gibt es auch Schwankungen zwischen den Tagen, wobei das Wetter dabei einen großen Anteil hat.
Das deutlichste Ergebnis ist jedoch, dass gemessen an der Gesamtzahl der Personen die an der Installation vorbeigekommen sind, jene die den Garten weder aktiv angesehen noch mit ihm interagiert haben, in der absoluten
Überzahl sind. Jedoch lassen sich auch über den Tagesverlauf Unterschiede am Anteil der InterakteurInnen an der Gesamtzahl der Beobachteten feststellen. Zu den Abenden hin nimmt die Anzahl der Personen die den Garten
nutzen überproportional zu. Liegt der Anteil von Interaktionen im Gesamtschnitt bei 4,1%, so steigt er an den Abenden auf bis zu 12,1% an.

Qualitative Ergebnisse: Der Garten am Lendplatz vereint sehr viele qualitative Merkmale, die wir innerhalb dieser Untersuchungswoche beobachten konnten. Aus Platzmangel sind nur die wichtigsten in der folgenden Aufzählung enthalten.

Erstes wesentliches Merkmal ist, dass sich über den Tag verteilt verschiedene Nutzergruppen einfinden. Am Vormittag sind es zumeist Personen derselben Gruppe, die den Garten nutzen, mittags wird der Garten gerne als Jausenbank von unterschiedlichsten Personen genutzt. Zum Abend hin kommen gerne jüngere Menschen, um sich hier mit Freunden zu treffen, wobei der Garten dabei überproportional von Frauen genutzt wird.

Ein starker Faktor bei der Nutzung des Gartens bleibt das Wetter. Die Aktivitäten am Lendplatz, und somit auch am Garten, hängen direkt vom Wetter ab, im Gegensatz zum Lendplatz bietet der Garten noch etwas Schutz gegen Regen und Sonne, wird aber bei Regen ebenso rasch verlassen.

Ein weiteres Merkmal ist das hohe Aufkommen an Fußgänger und Radfahrer über den gesamten Tag verteilt.

Ein sehr interessanter Effekt, der beobachtet wurde, wurde von uns als Nachahmer-Effekt betitelt. Dabei war die Aktivität der Interaktion davon abhängig ob und welche Menschen den Garten gerade nutzten. Umso „angesehener“ die nutzende Personenmenge war, desto mehr Menschen trauten sich den Garten ebenfalls zu nutzen. Das genaue Gegenteil war der Fall, wenn es sich um sozial schlechter gestellte Nutzer handelte.

Ein überraschendes Ergebnis lieferten die Beobachtungen bei der Nutzung des Gartens, den nur wenige den Pflanzen wegen ansteuern, sondern vorrangig als Sitzmöglichkeit. In diesem Zusammenhang war auffällig, dass überwiegend Eltern mit ihren Kindern den Garten zum Veranschaulichen von Pflanzentypen und Wachstum genutzt haben.
Als letzten wichtigen Punkt muss man das allgemeine Nutzungsverhalten erwähnen. Viele Menschen die wir befragt haben, haben von fehlenden Informationen zur freien Nutzung des Gartens, als Sitzgelegenheit, als Gemüsegarten und als Gemeinschaftsprojekts gesprochen.

Abb.5 Diagramm der Erhebungsdaten

SCHLUSSFOLGERUNG:

Wie sich bei den Untersuchungsobjekt „Insel des Zusammenseins“ am Lendplatz durch Beobachtungen und Interviews gezeigt hat, wird der Prozess solcher Projekte immer wieder von Innen und Außen beeinflusst. So steht diesem Ort neben positiver Kritik auch eine Menge negativer gegenüber.
Um die Bevölkerung für die Teilhabe solcher Räume erreichen zu können, muss aber auch die Möglichkeit bestehen, dass sie sich diese aneignen. Dies funktioniert nur wenn sich die Bevölkerung mit dem öffentlichen Raum identifizieren kann. Jedoch muss man trotz des auf den ersten Blick geringen Anteils an Interaktionen erwähnen, dass viele der daran Vorbeikommenden dem “Durchzugsverkehr” angehören.
Und obwohl der Wunsch nach mehr solchen Flächen innerhalb des städtischen Raumes besteht, treten bei solchen Projekten immer wieder stadtpolitische Hürden auf.

Das Nutzungspotenzial des Gartens würde deutlich erhöht werden wenn der Garten über einen geeigneten Sonnenschutz verfügen würde. Dies wäre gerade an sehr heißen und sonnigen Tagen eine Bereicherung des Sitzplatzangebotes am Lendplatz.

Aufgrund des äußerst geringen PassantInnenaufkommens am Platz der Begegnung, wurde dort die quantitative Messung abgebrochen und die qualitativen auf vereinzelte Beobachtungen reduziert. Im Vergleich der beiden Standorte miteinander, hat der Lendplatz weitaus bessere Nutzerzahlen auf Grund seiner verkehrsgünstigen Lage.

Quellen:
-Bader. K (Hg) 2002: Alltägliche Lebensführung und Handlungsfähigkeit. Ein Beitrag zur Weiterentwicklung gemeinwesenorientierten Handelns“, in: Stiftung Mitarbeit:
Alltagsträume, Lebensführung im Gemeinwesen Beiträge zur Demokratieentwicklung
von unten Nr. 18, Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn 2002, S. 16

-Bühler E. (Hg) (2009): Öffentliche Räume und soziale Vielfalt. Einführung zum
Themenheft. Geographisches Institut, Universität Zürich
-Helfferich, C. (2019): Leitfaden- und Experteninterviews. In: Bauer, N. und Blasius, J. (Hg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung.
Springer: Wiesbaden, S. 669-686

Küsters, I. (2019): Narratives Interview. In: Bauer, N. und Blasius, J. (Hg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Springer: Wiesbaden, S. 687-693.

Pink, S. (2013): Doing Visual Ethnography. Sage Publications: London.

Rose, G. (2001): Visual Methodologies. An Introduction to the Interpretation of Visual Materials. Sage Publications: London.

Ruso, B. (2007): Qualitative Beobachtung. In: Buber, R.; Holzmüller H. H. (Hg.): Qualitative Marktforschung. Konzepte – Methoden – Analysen. Gabler: Wiesbaden, S. 525-536.

Wintzer, J. (2018): Sozialraum erforschen – Qualitative Methoden in der Geographie. Springer: Heidelberg.-